Interview mit Herbert Schmidt – ein Kämpfer mit Schwert und Federkiel oder auch…

 

Der Bewahrer des Westens

Im zweiten Teil unserer Beitragsreihe springen wir auf die andere Seite des Landes: von Wien nach Bregenz zu einer Person, die maßgeblich daran beteiligt war, historisches Fechten in Österreich zu fördern und zu prägen. Herbert Schmidt begleitet die Szene als Förderer, aber wohl auch als einer ihrer größten Kritiker seit der Gründung seines eigenen Vereins Ars Gladii im Jahr 1999. In unserem Interview sprechen wir über Vor- und Nachteile des „Trainerseins“, über künftige HEMA-Publikationen seines eigenen Verlages und darüber, wie es mit der Trainerausbildung des ÖFHF weitergehen wird.

 

BIO

Herbert Schmidt ist als Fechter, Buchautor, Vortragender und Trainer weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt. Seine ersten HEMA-Werke umfassten die Interpretation des Langen Schwertes nach Liechtenauer und das Fechten mit Schwert und Buckler nach I.33, zu denen er je ein Buch veröffentlichte. Mit dem „Book of the Buckler“ folgte eine englischsprachige Auseinandersetzung mit der Geschichte und Typisierung dieser beliebten Beiwaffe. Abgesehen davon hat er unzählige Artikel und Bücher zu diversen Themen veröffentlicht (zur Liste aller Publikationen). Der ausgebildete Pädagoge leitete von Beginn an das Training in dem von ihm gegründeten Verein Ars Gladii in Dornbirn/ Vorarlberg und ist auch Gründungsmitglied des ÖFHF.

 

Österreich befindet sich gerade im Ausnahmezustand. Vereinstrainings gibt es derzeit keine. Wie geht es dir inmitten dieser Situation?

Die Situation schränkt uns natürlich alle massiv ein. Trainings fallen aus, was schade ist. Aber es bringt die Leute vielleicht dazu, dass sie sich daheim mehr mit den Quellen auseinandersetzen und es wirft einen zurück aufs Primärstudium, was grundsätzlich nicht schlecht ist.

Glaubst du, dass viele gerade jetzt zu den Originaltexten greifen?

Ich hoffe es. (Lacht.) Ob es so ist, wissen wir nicht. Aber ich hoffe doch, dass es den einen oder anderen Mal dazu treibt, die Dinge in die Hand zu nehmen. Wenn schon nicht die Originaltexte, dann vielleicht Sekundärliteratur.

Glaubst du, dass wir dieses Semester überhaupt noch in die Turnsäle dürfen?

Ich glaube eher nicht. Die Schulen sind sowieso bis Mitte Mai zu und danach weiß ich nicht, was passieren wird. Es werden sich vielleicht noch ein, zwei Wochen ausgehen, aber das rentiert sich dann eigentlich auch nicht mehr. Ich glaube, das Semester ist gelaufen.

1999 hast du in Vorarlberg den Verein „Ars Gladii“ gegründet. Du hast dich aber sicher schon vorher für HF interessiert. Wie verlief deine Entwicklung bis dahin?

Naja… Faszination Mittelalter im Allgemeinen und Faszination Schwert im Besonderem waren natürlich von Anfang an da, schon als Kind. Anfang der 90er habe ich dann gehört, dass es „Quellen“ gibt, die da irgendwo rumgeistern und mit denen im europäischen Raum gearbeitet wird. Das ist dann mit der Entwicklung des Internets zusammengekommen. Beruflich hatte ich sehr viel Zugang zum Internet und es gab dann doch das eine oder andere Forum oder – damals noch – Mailing Lists, wo die Leute begannen, sich auszutauschen. Da gab es dann zum Beispiel Kopien von Kopien von schlechten Mikrofilmen und so weiter und so fort. Man hat halt alles gesammelt, was man in die Finger bekommen hat und versucht, daraus irgendwie Sinn zu machen. Und ja… Irgendwann habe ich dann gemerkt: Alleine trainieren bringt recht wenig. Erstens gewinnt man immer – ist langweilig (lacht) – und zweitens braucht man einen Partner, um diese Dinge auszuprobieren. Und damit ich Trainingspartner habe, hab ich dann den Verein gegründet.

Im Vorwort deines ersten Buches schreibst du, dass viele wohl deshalb mit Schwertkampf beginnen, weil sie von den ritterlichen Idealen fasziniert sind, die eng mit dem Schwert verknüpft werden: Ehre, Gerechtigkeit, Treue… Diese „unbedarften Idealbilder“ werden aber von dem Wissenszuwachs zerstört, den wir uns bei der Beschäftigung mit der Materie und beim Training aneignen. Beschreibst du hier deine eigene Entwicklung?

Ich denke, das ist der Werdegang von uns allen in jedem Bereich. Je mehr wir wissen, umso weniger Mythen bleiben übrig, umso weniger Annahmen, umso weniger Wunschvorstellungen. Umso eher werden diese durch Fakten ersetzt, die dann meistens interessanter und tiefgreifender sind, als eben diese Mythen und Vorstellungen. Und ja, die Vorstellung von einem Ritter, wie man sie als Kind hat, verändert sich natürlich, wenn man sich damit auseinandersetzt. Sie wird vielfältiger, sie wird interessanter. Sie wird komplexer. Sie nähert sich damit wahrscheinlich auch der Realität an.

Hat historisches Fechten dir also „deinen Ritter“ kaputt gemacht?

Nein – im Gegenteil! Es hat ihn interessanter gemacht. Es hat meine naiven Vorstellungen vom Schwert und vom Ritter kaputtgemacht – zum Glück! Es wäre schlimm, wenn sich durch vermehrtes Wissen die vorherige Vorstellung nicht verändert oder aufgelöst wird. Was ein Schwert kann, wie man mit einem Schwert umgeht, wie die Kampfkunst ausgesehen hat, damit hatten meine ersten frühen Vorstellungen einfach nicht viel zu tun.

Beobachtest du diese Entwicklung auch bei Schülern? Kommen sie in den Verein mit der Vorstellung, dass sie hier zum ehrenhaften Ritter ausgebildet werden?

(Lacht.) Eher selten. Also, ich hab wenig Leute, die ins Training kommen, weil sie Ritter sein wollen. Wobei das früher, Anfang der 2000er-Jahre, noch häufiger der Fall war. Die meisten kommen eher mit Fragen wie: Wie geht man mit der Waffe um? Was ist die Kampfkunst unserer Vorfahren? Und da lernen sie sehr, sehr viel. Sie sind natürlich stark von Hollywood beeinflusst – die Vorstellung, wie ein Schwertkampf auszusehen hat, ist meistens die, die sie aus den Filmen haben. Davon bleibt aber nur wenig übrig. Ich habe aber auch schon Leute verloren, weil sie gemerkt haben, dass alle ihre Wunschvorstellungen, die sie sich mühsam aufgebaut hatten, auseinanderfallen. Die haben dann einen anderen Weg gewählt, um in ihren Vorstellungen zu bleiben – was okay ist.

Ich möchte nochmal auf das „ideale Ritterbild“ zurückkommen. In vielen anderen Kampfstilen werden Ideale ja nicht nur eng mit der Kampfkunst verknüpft, sondern auch gelehrt und von den Praktizierenden wird – zumindest augenscheinlich – eingefordert, einem gewissen Verhaltenskodex zu folgen. Das nimmt teilweise religiöse Formen an, man denke beispielsweise an manche asiatische Kampfkünste. Sollten auch wir dem Ideal eines ehrenhaften Ritters nacheifern?

Aus mehreren Gründen nicht. Erstens weiß ich nicht, was ein ehrenhaftes Ritterbild sein sollte. Dieser Ritterkodex, den es ja gab, lässt sich in der heutigen Zeit nicht mehr umsetzen. Er ist nicht mehr zeitgemäß. Ich kann nicht sagen, ich hab eine bestimmte Gruppe, der gegenüber ich mich ehrenhaft verhalte, nämlich meinen Peers gegenüber, und bei allen anderen ist es egal. Jeder „ehrenhafte“ Ritter, der seine Liebe oder seine Minne beschützt hat, hatte kein Problem damit, ganze Dörfer abzufackeln und tausende Leute abzuschlachten. Ich sehe dieses Ritterideal mittlerweile sehr differenziert. Diese komplette Trennung von sozialen Schichten und dieses Verantwortungsgefühl, das ich nur bestimmten Menschen gegenüber habe, das hat heute keinen Platz mehr. Wir verhalten uns hoffentlich gegenüber jedem gut und positiv.

Ich glaube auch, dass sehr viel Zeit in asiatischen Kampfkünsten mit diesem philosophischen Überbau verloren geht. Diese Zeit fehlt dann im Training. Man sieht oft, wenn man mit Menschen kämpft oder fechtet, die jahrelang asiatische Kampfkünste gemacht haben, dass sie nicht besser oder schlechter sind als die europäischen. Nur, sagen wir, in einem ernsthafteren Sparring sieht man: Leute, die gleich gut sind, haben unterschiedlich lange trainiert. Die Zeit, die man in einem europäischen Stil braucht, um hier auf dasselbe Niveau zu kommen ist deutlich kürzer als in einer asiatischen. Ich glaube, dass das auch darauf zurückzuführen ist, dass eben viel Trainingszeit in die Philosophie fließt.

Ein weiterer Punkt ist auch: Ich glaube, dass wir in HEMA nicht so viel Wert auf Exaktheit legen. Wir machen nicht tausendmal die gleiche Bewegung und schauen drauf, dass wir maximal 0,2% Winkelabweichung haben. Wenn der Oberhau trifft, trifft er. Ich glaube, dass in der asiatischen Kampfkunst einfach viel Zeit in Dinge investiert wird, die nachher in der praktischen Anwendung vielleicht nicht den Unterschied machen.

Ist HEMA pragmatischer?

Genau. Aber das ist der Zugang, den wir in Europa eigentlich über Jahrhunderte haben.

„Je mehr wir wissen, umso weniger Mythen bleiben übrig, umso weniger Annahmen, umso weniger Wunschvorstellungen.“

Wie auch mein letzter Interviewpartner Harald Winter bist auch du ein Gründungsmitglied des ÖFHF. Mir ist ein interessantes Detail zu Ohren gekommen: In den ersten Jahren bist du bei einer Sitzung hochoffiziell zum „Bewahrer des Westens“ ernannt worden. Was hat das zu bedeuten?

(Lacht.) Hm… Ich glaube, das ist damals auf Harrys Mist gewachsen. Es ging darum, dass wir den ÖFHF ja gegründet hatten, weil wir unter anderem eine Art Qualitätssiegel wollten. Es hat sich abgezeichnet, dass sich immer mehr Leute im HEMA-Bereich tummeln und tummeln werden, mit… unterschiedlichen Ansätzen, sag ich jetzt mal. Wir wollten uns abgrenzen von jemandem, der einfach „irgendetwas mit europäischem Schwertkampf“ macht. Die Idee war also: Wenn jemand beim ÖFHF ist, dann ist das eine Art Gütesiegel und bedeutet, dass dieser Verein sich ernsthaft mit HEMA beschäftigt. Wenn jemand also zum Verein hingeht, weiß er, was er kriegt. Daraus wiederum ist dann die Idee entstanden, dass jemand nur Mitglied werden kann, wenn vorher Besuche stattgefunden haben und der Verein evaluiert wurde. Westlich von Salzburg gab’s nur uns damals – und heute glaube ich auch noch. Deshalb wurde gesagt, dass wir die Bewahrer des Westens sind und für den Fall, dass im Westen jemand auftauchen sollte, darauf schauen würden, dass die Kriterien erfüllt werden.

Deine Beziehung zum ÖFHF würde ich allerdings als gespalten bezeichnen. Du bist zwar Mitbegründer und hast viel dazu beigetragen HF in Österreich ein Gesicht zu geben. Die Entwicklung der letzten Jahre ruft bei dir aber nicht nur Freude hervor und du bist bekannt dafür, dir kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Ich finde es gut, dass es den ÖFHF gibt. Ich glaube, wir brauchen ihn und er ist eine wichtige Institution. Ich sehe aber die Gefahr, dass er den Fokus verliert, worum es ursprünglich ging. Das ist aber menschlich und es ist nachvollziehbar.

Es hat sich in den letzten 10 Jahren der Wettbewerbsgedanke mehr und mehr in den Vordergrund gedrängt und Leute, die im Wettbewerb aktiv sind, die haben natürlich viel mehr Anforderungen: Die brauchen Regeln, die brauchen Organisation, die brauchen Ranglisten und so weiter und sofort. Das führt natürlich dazu, dass diese Leute sich im ÖFHF auch engagieren und ihre Interessen einbringen. Dafür ist der ÖFHF ja auch da. Das Problem ist, dass die anderen Fechter da nicht so aktiv waren und damit in den Hintergrund geraten sind. Der ÖFHF hat sich also aus meiner Sicht in den letzten Jahren ganz stark als Wettkampforganisation entwickelt – oder präsentiert – und das eigentliche Kerngeschäft, das wirklich historische Fechten ist in den Hintergrund geraten. Und der Grundgedanke, dass der ÖFHF ein Qualitätssiegel sein soll, der die Leute fördert, den Leuten hilft im historischen Fechten den richtigen Weg zu finden und gut zu sein – aber auch evaluiert: Was ist gut, was läuft nicht gut? – Das hab ich in den letzten Jahren eigentlich nicht gesehen. Und das ist auch immer wieder der Kritikpunkt gewesen: Abgesehen vom Turnierbereich, der sehr gut funktioniert und aufgestellt ist – was tut der ÖFHF für das historische Fechten? Da wird es dann sehr schwer den Finger auf den Punkt zu legen und zu sagen: Das haben wir gemacht. Das machen wir gerade.

Den Ball kann man aber an die historischen Fechter zurückspielen und fragen: Wo sind die Leute, die aufstehen und sagen: „Ich möchte das machen!“ Leute, die Verantwortung übernehmen und bereit sind, Arbeit zu leisten. Da gibt’s natürlich auch zu wenige. Aber nur den ÖFHF, neutral betrachtet als Beitragszahler: Er tut mir in einem Bereich etwas, in den anderen zu wenig.

Gab es in Dornbirn oder Vorarlberg bis heute überhaupt schon einmal eine ÖFHF-Veranstaltung oder etwas dergleichen?

Nein. Wir haben immer wieder eingeladen und uns als Veranstaltungsort und Organisatoren bereitgestellt. Nachvollziehbarerweise wurden wir nie gewählt, weil der Weg einfach für alle anderen zu weit ist. Es macht einen Unterschied, ob ein Vorarlberger nach Wien fährt, oder ob zehn Leute aus Wien und Oberösterreich nach Vorarlberg fahren. Von dem her ist es nachvollziehbar für mich.

Ars Gladii liegt einerseits etwas weit ab vom Schuss und es gibt andererseits bis jetzt auch noch keine ÖFHF-Vereine im benachbarten Bundesland Tirol, die vielleicht als Bindeglied fungieren könnten. Glaubst du, dass sich das negativ auf die Beziehungen zwischen dem ÖFHF und Ars Gladii ausgewirkt hat?

Nein. Glaube ich nicht. Man kennt die Leute ja sehr gut. Man trifft sich regelmäßig, zumindest zweimal im Jahr. Früher, als ich noch mehr unterwegs war auch öfters. Es war immer ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis. Ich könnte nicht sagen, dass ich mit irgendwem ein Problem hätte und ich hoffe, es hat auch niemand ein Problem mit mir. (lacht) Nein, also ernsthaft: Es war immer ein sehr respektvoller Umgang und ich seh da auch keinen Grund, warum das anders sein sollte.

Ich habe dafür aber den Eindruck, dass ihr sehr gute Beziehungen in die Schweiz und nach Deutschland habt, was Vereine und Institutionen angeht. Ist das korrekt?

Das ist absolut korrekt und auch naheliegend. In die Schweiz zum nächsten Verein ist es vielleicht eine halbe Stunde. In zwei Stunden bin ich in München. Also natürlich haben wir sehr gute Beziehungen und Kontakte in der Schweiz und in Deutschland. Es finden immer wieder Besuche statt und auch Austausch – Institutionen, Museen, Vereine, Auftritte und Veranstaltungen. Einmal im Jahr sind wir zum Beispiel auch in Liechtenstein. Wir versuchen jetzt auch gerade wieder regelmäßiges Training mit Dieter Bachmann in der Schweiz zu organisieren.

Du hast außer dem Vereinstraining bei Ars Gladii zahllose Workshops in ganz Europa gehalten und bist auch hauptberuflich als ausgebildeter Pädagoge unterwegs. Man könnte meinen, anderen Dinge zu erklären und beizubringen ist ein wichtiger Bestandteil deines Lebens. Wie hat dich das „Lehrersein“ als Trainer beeinflusst?

Es hat mich sehr stark beeinflusst und auch umgekehrt. Auch das Trainersein hat meine Arbeit in der Klasse beeinflusst. Ich glaube, der größte Punkt, den ich aus der pädagogischen Tätigkeit in die Turnhalle mitnehmen kann, ist das Classroom-Management. Da sehe ich auch bei ganz vielen Trainern im internationalen Bereich Entfaltungspotential. Der Umgang mit einer Gruppe von Leuten, das Anleiten – da passiert ganz viel, was im Moment nicht wahrgenommen wird, was aber die Qualität eines Workshops oder eines Trainings ganz massiv verbessern würde.

Wo wir schon dabei sind: Wie siehst du als Pädagoge und Lehrer mit langjähriger Erfahrung die Vereinstrainings in Österreich? Was können unsere TrainerInnen gut, wo könnten wir nachlegen – auch in Hinblick darauf, dass der ÖFHF die nächste Generation an Trainern ja selbst ausbilden wird, wenn alles nach Plan läuft.

Ich glaube, dass wir in Österreich durchgehend sehr, sehr gute Trainer auf einem fachlich sehr hohen Niveau haben. Ich kenne keinen einzigen Trainer, der nicht regelmäßig mit Primärquellen arbeitet. Den Trainern in Österreich würde ich also durchgängig ein sehr hohes Zeugnis ausstellen in Bezug auf Fachkenntnis. Ich hab ein, zwei ganz junge Trainer kennengelernt die mir gegenüber gesagt haben, sie trainieren zum Beispiel „nach Ingulf“. Da sehe ich den Beginn einer Schulentwicklung, was ich massiv bedenklich finde. Ich bin der Meinung, da sollte man ein Auge darauf haben. Wir sollten den Bezug zur Primärquelle nicht verlieren. Ob das ein Ausreißer war, oder ob sich da eine Entwicklung abzeichnet, kann ich nicht beurteilen. Aber man müsste einfach drauf achten.

Didaktisch gesehen haben unsere Trainer, glaube ich, noch wirklich was zu lernen. Aber da stehen sie international nicht alleine da. Ich kenne sehr viele internationale, namhafte Trainer, die fachlich sehr gut sind, didaktisch aber eine absolute Katastrophe. Es ist auch das Bewusstsein erst langsam am Wachsen, dass „Trainersein“ mehr bedeutet, als nur die Techniken zu beherrschen und sie jemandem zu zeigen, sondern dass da viel mehr passiert. Dass man eben den Lernerfolg und die Lernatmosphäre bewusst steuern kann. Es ist ein Unterschied, mit welchem Gefühl ich als Schüler aus der Halle rausgehe: „Hab ich das Gefühl, der Workshop war gut strukturiert? Wurden meine Bedürfnisse wahrgenommen?“ Ganz viel passiert aber auf einer Ebene, die der Lernende nicht wirklich benennen kann – er kriegt es nicht bewusst mit, aber er spürt den Unterschied.

Das fängt bei einfachen Dingen an wie der Übungsanleitung. Wir haben ja regelmäßig – mindestens zwei, dreimal im Jahr – Trainer im Verein, die Workshops geben und ich seh’s ganz, ganz oft: „Wir machen jetzt diese und diese Übung.“ Dann wird erklärt, warum die Übung gemacht wird und dann gibt es noch ein Konzept dazu und den Kontext, und dann soll man das und das machen, und dann wäre das noch möglich… So, und jetzt machen wir die Übung. Und kein Mensch erinnert sich mehr daran, was zu tun war. Das ist ein ganz klar didaktisches Problem. Das heißt nicht, dass die Erklärungen und der Kontext nicht wichtig sind, sie sind wichtig. Aber sie gehören woanders hin. Ich muss immer sicherstellen, dass jeder genau weiß, was zu tun ist.  Das sind so ganz einfache Dinge, die nach wie vor bei den meisten Trainern schieflaufen. Auch das Gefühl für „Wann wird den Leuten langweilig?“ „Wann beginnt die Konzentration nachzulassen?“, „Wann muss ich eingreifen und die Motivation wieder zurückholen oder das Tempo verlangsamen, wann das Tempo anziehen?“ Einfach die Beobachtung der Situation im Rahmen. Da fehlt noch ganz viel.

Du hast vorhin bei jüngeren Trainern eine „Schulbildung“ angesprochen. Hältst du diese Entwicklung für möglich?

Ich glaube, sie wird unvermeidbar sein. Es liegt in der menschlichen Natur leichte Weg zu gehen und sich das Leben nicht schwieriger zu machen als nötig. Es liegt ebenso in der menschlichen Natur, dass man nach Anerkennung und Erfolgserlebnissen strebt. In anderen Kampfsportarten sind es Gürtel oder Farben. Man will sich nach Außen präsentieren: „Das hab ich. Das bin ich. Das hab ich geschafft.“ Und ich habe das Gefühl, dieses Streben ist bei jüngeren Menschen tendenziell größer als bei älteren. Wenn wir jetzt junge Trainer haben, die sehr schnell das Gefühl haben wollen: „Ich bin gut, ich bin Trainer, ich bin qualifiziert.“ geht das leichter, wenn ich ein Schuldenken habe und sage, ich mach das so, wie mein „Meister“ mir das zeigt. Wenn ich mich zuerst durch fünfzehn Manuskripte kämpfen und diese verstehen muss, vergehen Jahre, um überhaupt ein Gefühl zu haben, worum es geht. Beim Meister mach ich das, was er mir sagt und wenn ich es so mache, dann kann ich es. Natürlich werden die Leute dann eher das machen.

Wir haben dankenswerterweise auch immer mehr die Entwicklung, dass Leute von HEMA leben können. Das führt aber dazu, dass sie Kunden bedienen müssen und das führt wiederum dazu, dass sie das machen wollen oder müssen, was die Kunden wünschen. Sonst macht es ein anderer und die Kunden laufen dahin. Das wird dazu führen, dass wir Schulen haben werden. Wir haben es jetzt noch nicht, weil die Leute, die davon leben, selbst noch mit den Primärstudien angefangen haben. Sobald aber der Generationenwechsel stattfindet, werden wir unweigerlich diese Schulen bekommen. Und dann wird’s halt eine INDES-Schule geben und eine Ochs-Schule, eine Gladiatoria-Schule usw. Es wird immer Leute geben, die sich mit den Primärquellen auseinandersetzen, die den mühsamen Weg von der Handschrift zum Training in der Halle gehen. Und es wird Leute geben, die den leichteren Weg gehen und sagen: Ich mach diese Schule.

Das ist aber okay für mich. Es ist ja nichts, was wir historisch nicht auch gesehen haben. Also die Marxbrüder und Federfechter haben ja genau das gemacht. Das ist unsere Schule, das ist unser Curriculum. Das lernst du, das machst du und dann kriegst du einen Grad.

„Das Lehrersein hat mich sehr stark beeinflusst und auch umgekehrt. Auch das Trainersein hat meine Arbeit in der Klasse beeinflusst.“

Wäre es aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt sinnvoll zu sagen: Jeder muss nochmal bei Null anfangen und soll nicht auf dem aufbauen, was der vor ihm geleistet hat?

Natürlich nicht. Was wir aber in vielen wissenschaftlichen Bereichen sehen, besonders auch in der Geschichtswissenschaft ist, dass ganz viele Fehler oft über Generationen weitergetragen wurden. Der eine schreibt vom anderen ab und damit ist es Kanon und dann dauert es ewig, bis sich das auflöst. Hätte sich irgendjemand einmal die Mühe gemacht, diese Dinge grundlegend anzusehen, wären diese Fehler sehr viel früher aufgefallen. Es ist ja nicht immer dieser mühselige Weg, den wir damals in den 90ern gegangen sind. Wir haben uns ja mit den Begrifflichkeiten herumgeschlagen. Wir wussten nicht, wie die Bewegungsabläufe sind. Wir haben da jeden Schritt mühsam rekonstruiert. Diese Arbeit ist getan. Also, die großen – ein Oberhau, oder ein Zwerchhau – wie die aussehen, das wissen wir. Da muss jemand, der sich mit Primärquellen auseinandersetzt nicht nochmal den ganzen Weg gehen. Diese Vorarbeit ist geleistet. Die soll natürlich auch verwendet werden.

Sie soll aber auch immer wieder hinterfragt werden. Das was Andreas Klingelmayer mit seinem Schielhau macht, der auch wieder zurück zur Quelle gegangen ist und gesagt hat: Das kann man eigentlich auch anders sehen. Das ist gut, das bereichert und das führt nach vorne. Insofern finde ich es aus wissenschaftlicher Sicht wichtig, immer wieder Dinge in Frage zu stellen.

Wenn es nach dir ginge, wohin sollte die Entwicklung bei unseren Trainern gehen?

Hm… Also erstens glaube ich nicht, dass ich maßgebend bin oder sein werde und ob mir überhaupt zusteht zu sagen, was eine gute Entwicklung wäre. Wir haben mit Menschen zu tun, die ganz viel Leistung und Arbeit investieren, ohne etwas dafür zu bekommen.

Lassen wir „gut“ oder „schlecht“ mal außen vor. Wann wärst du glücklich?

Ich wär glücklich, wenn ich den Trainer jederzeit unterbrechen und fragen kann: „Warum machst du das? Zeig mir die Quelle. Was ist der Gedanke dahinter und begründe deinen Gedanken.“ Und wenn er dann sagen kann: „Da schau, da ist die Quelle, da steht das. Aus dem und dem Grund mache ich das so und ich bin der Meinung, das funktioniert. Und jetzt zeig ich es dir. Setzen wir uns die Masken auf, hau mich. Du willst nicht, dass meine Technik funktioniert und ich zeige dir, sie funktioniert trotzdem.“ Wenn ein Trainer das kann, dann hat er für mich das fachliche Niveau erreicht, wo ich sage: Das unterschreib ich. Das finde ich toll.

26 TeilnehmerInnen haben dieses Jahr an der Übungsleiter-Ausbildung des ÖFHF und der Sportunion teilgenommen, derzeit warten sie darauf, dass sie vielleicht irgendwann nach Corona noch ihre Prüfung ablegen dürfen. Wie wird es danach mit der Trainerausbildung im ÖFHF weitergehen?

Das ist eine gute Frage. Also die Übungsleiterausbildung steht meiner Meinung nach recht gut. Die haben wir unter Dach und Fach. Wie es dann weitergeht, vor allem in Bezug auf Inhalte und Umsetzung, da müssen wir nochmal die Struktur hernehmen, die wir erarbeitet haben und schauen, was wir konkret damit machen. Das wird dann wichtig, wenn die Übungsleiter abgeschlossen haben und sagen: Wir wollen weitermachen. Da müssen wir uns dann zusammensetzen und konkret besprechen, was wir in den nächsten Jahren anbieten. Aber der Fokus wird auf dem Fachlichen und dem Didaktischen liegen.

Wie lange wird es brauchen, bis das Ganze von der ersten bis zur letzten Stufe steht?

Ich glaube, es hängt ganz stark damit zusammen, wie der Ansturm der Leute ist. Je mehr Leute kommen und sagen: „Ich will das jetzt machen!“ umso mehr drängt es uns natürlich in die Aktivität hinein. Aber ich glaube, dass wir definitiv in fünf Jahren soweit sind, dass wir sagen: Das Curriculum steht, die Inhalte stehen und es kann jederzeit umgesetzt werden.

Wenn ich so daran denke, was ein Sporttrainer – sagen wir zum Beispiel ein Volleyballtrainer – „nur“ draufhaben muss, damit er schon als überdurchschnittlich gut gilt, nämlich Sportwissenschaften und bestenfalls ein bisschen Didaktik dazu… Für HF sollte man hingegen sehr breit aufgestellt sein: Lektüre von Originaltexten mit all den einhergehenden Hürden, Geschichte und Waffenkunde, Sportwissenschaften und Pädagogik. Erwarten wir zu viel von unseren Leuten?

Nein. Unsere Anforderungen sind komplett andere. Wenn ich ein Volleyballtrainer bin, dann ist es meine Aufgabe, das Training zu leiten und die Leute wettkampfreif zu machen. Ansonsten trage ich noch dafür Sorge, dass sich keiner wehtut. Die Anforderung für einen Trainer im HEMA-Bereich hingegen ist natürlich enorm hoch.

Erstens hat jeder Trainer irgendwann mal auch Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, sei es ein Interview, ein Vortrag oder ein Auftritt bei einer Veranstaltung. Diese Öffentlichkeitsarbeit muss sauber gemacht werden. Es ist in unser aller Sinne, dass wir ein entsprechend gutes Image bekommen.

Zweitens: Wir trainieren mit Waffen und es geht darum, eine Kampfkunst zu vermitteln, die in ihrem Kern doch tödlich ist und darauf abzielt, Menschen übelst zu verletzen. Da braucht es auch entsprechende Persönlichkeiten, die damit umgehen können, wenn trainiert wird. Es kommen ja verschiedene Menschen ins Training, mit denen man umgehen können muss. Nicht jeder, der ins HF kommt, hat historisches Interesse. Manche haben durchaus praktisches Interesse: „Wie kann man mit einem Stock oder mit einem Messer entsprechend umgehen, um es dann irgendwo einzusetzen?“ Da ist sehr viel gefordert vom Trainer.

Dann haben wir natürlich die Auseinandersetzung mit Primärquellen, die ganz, ganz wichtig ist. Daran geknüpft ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Kontext bis hin zu Fragen der Kleidung und vieles mehr.

Die Anforderungen, das was wir tun auch wirklich zu verstehen und dann nach außen zu präsentieren, die sind sehr hoch. Wenn jemand ein guter HEMA-Trainer ist, ist das eine Leistung an sich, die geschätzt werden sollte, die wir nach Außen transportieren und auch verkaufen können sollten. Die Anforderungen sind also sehr hoch, ja, aber definitiv nicht zu hoch. Wenn jemand sagt: Das ist ein ÖFHF-Trainer, dann soll in jedem Museum, in jeder Universität klar sein, den Mann/ die Frau kann ich holen, weil der entsprechend fundiertes Wissen und Hintergrund, entsprechende Sprache, entsprechendes Auftreten hat. Also, das wünsche ich mir schon und ich denke, dass das auch wichtig ist.

Also Qualität vor Quantität?

Unbedingt. Definitiv. Langfristig ist das für uns ganz, ganz wichtig.

Die „alten Trainerhasen“ haben sich ja relativ schnell auf etwas spezialisiert in ihrer Rekonstruktionsarbeit und Lehrtätigkeit. Beim Nachwuchs scheint der Trend hingegen dahin zu gehen, sich mit möglichst vielen verschiedenen Waffen und Systemen parallel zu beschäftigen. Hast du diesen Eindruck auch?

Ja. Ich glaube, dass ganz viel junge Leute – das haben wir vorher ja schon besprochen – sehr schnell Erfolgserlebnisse wollen. Und die Erfolgserlebnisse heute sind anders, als sie es vor zwanzig oder dreißig Jahren waren. Damals war das: „Das ist ein Zwerchhau! So funktioniert der, unglaublich! Was meint der mit Zwerch? Wieso kann der Depp das nicht anders schreiben? YAAAY! Ich hab den Zwerchhau gelernt!!!“ (lacht) Das hat mich monatelang beflügelt! Heute musst du natürlich was anders machen, damit du dieses Erfolgserlebnis hast. Und das hast du emotional sehr schnell, wenn du mehrere Waffen abarbeitest: Jetzt hab ich eine neue Waffe, ich hab jetzt langes Messer, mache Stange, mache Flegel und weiß der Geier was… Also es ergibt sich einfach aus den Zeiten.

Der andere Punkt ist: Ich glaube, das Anspruchsverhalten ist zu niedrig. Ich beschäftige mich jetzt seit 23 Jahren mit dem I.33 und das sind 64 Seiten. Rechne dir das aus… Das ist kein guter Schnitt: 64 Seiten in 20 Jahren… (lacht) Man könnte sagen: Nehmt dem Mann den Führerschein weg und haltet ihn von Schülern fern, das gibt’s ja wohl gar nicht! Tatsächlich gibt es aber immer noch so viele Dinge, die ich nicht verstehe, wo ich unsicher bin und sage „Keine Ahnung! Ich weiß es nicht.“ Und so geht es mir mit allen Quellen. Ich glaube, junge Leute unterschätzen, welche Tiefe mir die Quelle bietet und dass ich das nicht einfach in einem Jahr oder auch in fünf Jahren abhandeln kann. Wenn jemand sagt: „Ich hab mich jetzt drei Jahre mit von Danzig beschäftigt. Ich kenn den jetzt.“ Hm… Glaub ich nicht. Es ist angenehmer nach zwei Jahren zu sagen, jetzt mach ich das, jetzt das und dann kenn ich mich in fünf verschiedenen Sachen aus und bin Trainer in fünf Sachen. Das hat so ein bisschen dieses Konsumverhalten, das immer wieder der jetzigen Generation nachgesagt wird, teils zu Unrecht. Teilweise ist ihnen wahrscheinlich auch noch nicht bewusst, was es wirklich bedeutet eine Quelle zu bearbeiten, was da alles drin ist und was alles vorkommt in der Quelle. Ergibt das Sinn für dich?

Ja, ich denke schon.

Ich glaube einige davon werden in den nächsten zehn Jahren irgendwann auf den Boden zurückkommen und auch sagen: Eigentlich mach ich zwei. Ein Teil wird vielleicht aufhören, weil es zu komplex wird. Und ein Teil wird immer noch sagen: Ich kann zehn Waffen und ich kenn mich überall aus. Aber wenn man mit den – wie du sie nennst – „alten Hasen“ redet, wird man sehen, dass auch die der Meinung sind: Du kannst nicht zehn Waffen ernsthaft können. Das geht sich nicht aus. Du kannst Grundideen und Prinzipien verstanden haben und die dann auf verschiedene Waffen anwenden. Einige Fechtmeister bauen ja ihr ganzes System so auf, das muss ich dir nicht erklären. Das macht es dir dann leicht eine Waffe in die Hand zu nehmen und nach ein paar Einheiten kannst du relativ gut damit umgehen. Aber das ist ganz was anderes, als die Quelle zu verstehen und wirklich begriffen zu haben.

Wir sollten dem auch nicht entgegenwirken, das wäre falsch und darum geht es gar nicht. Aber wir können in der Ausbildung eben Wert auf Qualität legen. Wenn das ÖFHF-Curriculum steht, stellt sich die Frage: Schaffst du das in zehn Waffen? Schaffst du das in fünf Waffen? Kannst du das alles mit Montante, Rapier, langem Schwert und Messer machen?

„Die Erfolgserlebnisse heute sind anders, als sie es vor zwanzig oder dreißig Jahren waren. Damals war das: Das ist ein Zwerchhau! So funktioniert der, unglaublich! Was meint der mit Zwerch? Wieso kann der Depp das nicht anders schreiben? Ich hab den Zwerchhau gelernt!!! – Das hat mich monatelang beflügelt!“

Du hast bereits mehrere Werke über historisches Fechten veröffentlicht – Schwertkampf Teil I und Teil II, sowie ein englischsprachiges Buch über den Buckler (The Book of the Buckler). Wann hast du die Entscheidung getroffen, Buchautor zu werden und warum?

Ich wurde eigentlich beim ersten Buch… gedrängt ist jetzt ein großes Wort – aber ich wurde dazu eingeladen: „Du hast so viel Unterlagen, du hast so viel Notizen, du hast dir so viel Gedanken gemacht – warum schreibst du das nicht zusammen und machst ein Buch draus?“ Der Gedanke war für mich am Anfang etwas seltsam. Ein Buch schreiben… Kann ich das? Ich habe es dann ernst genommen, als ich gesehen habe, dass wir auch im Verein mehr und mehr Struktur brauchten und ich auch meine Unterlagen mehr und mehr strukturieren musste. Dann war ich damals in der Situation, dass ich sehr viel Zeit zur Verfügung hatte. Ich stand grade zwischen zwei Jobs. Ich hatte meinen ursprünglichen Beruf (Druckvorstufentechniker) aufgegeben, um Lehrer zu werden. Und da hatte ich Zeit und dachte, ja, dann probierst es halt und schreibst das Buch. Ich hab einen Verlag gefunden. Und ja, das war‘s dann.

Das war‘s dann und dann hast du gedacht: Jetzt schreib ich noch zwei?

Ja. (schmunzelt) Das zweite Buch zu Schwert & Buckler ist dann daraus entstanden, dass ich mich eben sehr lang und intensiv mit dem I.33 beschäftigt habe. Da war der Gedanke dann naheliegend: Wenn ich ein Buch zum langen Schwert gemacht hab, mache ich auch eines zu Schwert & Buckler. Im Zuge dessen habe ich mich natürlich auch intensiv mit dem Buckler selbst auseinandergesetzt und mit dem Schwert als Waffe. Ich war sehr viel in Museen unterwegs, habe sehr viele Originale vermessen – sowohl Schwerter als auch Buckler. In einem Gespräch mit Dr. Alfred Geibig auf der Feste Coburg (Bayern/ Oberfranken) kam eben heraus, dass es damals keine Quellen und auch keine Bücher gab zum Thema Buckler und Schilde – außer ein paar Artikeln hie und da. Ich hatte Geibig gefragt, ob er mir Literatur empfehlen konnte. Er meinte, es gäbe nichts Gutes. Als ich mich daraufhin enttäuscht zeigte, meinte er: „Schreib halt eines.“ Er hat mir also den Vogel in den Kopf gesetzt. Und so ist dann das dritte Buch entstanden.

„Die Anforderungen, das was wir tun auch wirklich zu verstehen und dann nach Außen zu präsentieren, die sind sehr hoch. Wenn jemand ein guter HEMA-Trainer ist, ist das eine Leistung an sich, die geschätzt werden sollte, die wir nach Außen transportieren und auch verkaufen können sollten.“

Wie du gerade gesagt hast, geht es im zweiten Buch um Schwert & Buckler. Dann im dritten nur mehr um den Buckler… Hat der Buckler es dir angetan?

Er hat es mir angetan, je mehr ich mich damit beschäftigt habe. Mir hat es auch das Schwert angetan, aber da gibt es schon sehr viele gute Publikationen dazu. Zum Buckler gab es wie gesagt eben nichts. Und wenn es nichts gibt dann ist es schon meine Tendenz zu sagen: „Ok, dann machen wir das! Weil, wenn‘s mich interessiert dann gibt es wahrscheinlich auch zwei, drei andere Personen, die es interessant finden.“ Und ja, ich hatte ganz viel Material und Daten gesammelt. Es ist ja nett, wenn aus dieser ganzen Arbeit irgendwann mal was wird.

In deinem Band II hast du geschrieben, dass du Paulus Hector Mair komplett außen vorlässt, da deine Interpretation von ihm noch nicht abgeschlossen wäre. Wird es wieder ein neues Buch geben – eine Paulus Hector Mair-Interpretation vielleicht?

(Lacht) Der Gedanke steht im Raum, geb ich zu. Aber es sind im Moment einfach ganz viele andere Projekte am Laufen. Wenn ich da vielleicht ein Preview machen darf: Wir haben vor kurzem einen Verlag gegründet, meine Partnerin Birgit Lackner und ich: Sofa Books. Und wir arbeiten im Moment an zwei Büchern parallel: Das eine ist ein Buch über Joachim Meyer von Alex(ander) Kiermayer. Und das andere wird eine Sammlung von Gedanken und Essays von verschiedenen HEMA-Leuten sein mit dem Titel „Meditations on HEMA“ – wird auch ziemlich sicher heuer erscheinen. Momentan mache ich also Bücher für andere und nicht selbst. Aber die Ideen sind da, ja. Also ein Schwert & Buckler-Buch zu machen über andere Quellen, der Gedanke steht durchaus im Raum.

Wir dürfen uns in der nächsten Zeit also auf einige HEMA-Publikationen freuen! An dieser Stelle möchte ich aber nochmal kurz zum ÖFHF zurück. Mein Eindruck ist: Es gab vor einigen Jahren eine Phase der Stagnation bei einigen Trainern und Fechtern, als diese Vorschläge machten oder Projekte umsetzen wollten; aus den verschiedensten Gründen ist aber nicht viel passiert. Also sind sie dann ihre eigenen Wege gegangen. Seit ich dabei bin – jetzt ca. 2 Jahre – wäre aber sicher genug Geld da, um wenigstens ein Projekt pro Jahr zumindest finanziell zu unterstützen. Es wurde auch mehrmals dazu aufgerufen, sich mit Projekten zu melden. Bis heute nichts. Jetzt höre ich, dass du auch wieder an zwei Büchern arbeitest. Warum kommt keiner mit diesen Dingen zum ÖFHF? Ist das noch die Enttäuschung von damals?

Ich glaube, nur zum Teil. Ich glaube, ein Teil ist, dass wahrscheinlich diese Projekte am Anfang zu schwammig sind von der Formulierung und der Idee her. Wenn ich zum ÖFHF gehe und Geld für ein Projekt möchte, muss ich auch ein Konzept vorlegen. Ein anderer Punkt ist, denke ich, dass der ÖFHF immer um Geld gekämpft hat. Und das möchte ich ihm jetzt nicht wegnehmen für ein Projekt, das meinen Bedürfnissen entspringt. Da sollen sie lieber was Vernünftiges mit dem Geld machen (lacht) – was, wenn man es so sagt, eigentlich blödsinnig ist. Ich glaube aber auch, dass bei vielen die Möglichkeit, beim ÖFHF nach Geld anzusuchen, einfach nicht mehr am Radar ist. Der Mitgliedsbeitrag ist ja – dankenswerterweise – sehr gering und dann hat man ja auch nicht das Gefühl, dass es in Ordnung ist, wenn man großartig was holt. Ich glaube, das hängt ganz viel mit dieser moralischen Einstellung zusammen. Ein bisschen ist es vielleicht noch ein Ressentiment von früher: „Das wars jetzt, ihr könnt‘s mich gernhaben.“ Das ist vielleicht beim einen oder anderen möglich.

Du hast den Ruf, ein erbitterter Gegner von Turnieren und der Versportlichung des historischen Fechtens zu sein. Warum?

Ich bin kein Gegner der Versportlichung und von Turnieren. Ich hab meine Meinung über die Jahre… geändert wäre zu viel gesagt, aber sie hat sich verändert. Ich bin der Meinung, das größte Problem, das wir momentan weltweit im HEMA-Bereich haben ist, dass wir ganz massiven Etikettenschwindel betreiben. Ich wäre dafür, dass wir ganz klar sagen: Was ist meine Zielrichtung? Was mache ich? Es ist ein Unterschied ob sich sage: Ich möchte eine Quelle interpretieren und ein System wieder zum Leben erwecken ODER ob ich sage: Ich möchte ein guter Fechter sein, der im Ernstfall mit seiner gewählten Waffe den Kampf gewinnen kann ODER ob ich sage, ich möchte ein guter Sportfechter sein, der ein Turnier gewinnen kann. Das sind drei völlig verschiedene Ausrichtungen. Im Moment ist das alles ein Gemauschel, ein drunter und drüber… Die Leute versuchen zu argumentieren, dass sich alles parallel ausgeht und welche Vorteile das hätte. Das ist im Grunde genommen Blödsinn. Ich kann das, was ich trainiere. Ich muss definieren können, was ich genau trainiere. Das heißt ja nicht, dass ich parallel nicht mehrere Dinge tun kann.

Wettkampf bedeutet Regelkonformität und das Ausnützen von allen Möglichkeiten der Technik und der Ausrüstung. Das ist bei einer historischen Interpretation einer Quelle völlig wurst. Da geht’s um ganz andere Dinge. Bei der Frage: Bin ich ein guter Fechter oder wäre ich vor gut sechs-siebenhundert Jahren ein guter Fechter gewesen, ist es auch wieder eine andere Ausrichtung. Und die stehen sich teilweise im Wege.

Was die Versportlichung angeht denke ich, es hat einfach mit HEMA nichts zu tun. Es sollte einen eigenen Bereich geben: „historisches Sportfechten“. Da kann sich dann jeder austoben und an seine Grenzen gehen und darüber hinaus.

Turniere sind historisch. Das wissen wir alle. Insofern sind sie auch Teil von HEMA. Dann wäre aber die nächste Frage: Was ist die Ausrichtung im Turnier und was wollen wir damit erreichen? Das wird mir auch zu wenig beachtet. Mache ich ein historisches Turnier? Eine Fechtschule? Dann habe ich wieder ganz andere Ausrichtungen und Fokussierung in den Regeln als das, was wir heute als Wettkampf sehen. Swordfish und Co sind eine moderne Sportkampfvariante – die sicher ihre Berechtigung hat – aber meiner Meinung nach getrennt sein sollte von HEMA. Und ich finde es nicht gut, wenn jemand dann eben international auftritt und sagt „Ich mache HEMA“. Er kann dir aber keine fünf Techniken aus Quellen nennen, und wenn ich ihn frage: „Was hast du beim Wettkampf gemacht?“ dann sagt er: „Ich hab eine Blöße gesehen und ich hab zugeschlagen.“ Das hat mit HEMA recht wenig zu tun. Deshalb glaube ich, dass wir Etikettenschwindel machen, da sollten wir die Dinge klar benennen, in zwei, drei oder vier Bereiche teilen. Und auch als Verein sollte ich meinen Trainierenden klar signalisieren: „Was lernst du bei mir?“

„Swordfish und Co sind eine moderne Sportkampfvariante – die sicher ihre Berechtigung hat – aber meiner Meinung nach getrennt sein sollte von HEMA.“

Insofern kann ich für Ars Gladii zum Beispiel ganz klar sagen: Wenn du historische Interpretation willst, bist du bei uns richtig. Wenn du sagst, du möchtest dich als Kämpfer weiterentwickeln, bist du auch richtig – das können wir unterbringen. Wenn du sagst, du willst ein guter Sportfechter werden, bist du bei uns falsch. Das gibt’s nicht bei uns. Andere Vereine sind anders gelagert. Aber bei einem Blick auf die Homepage sollte ich das als Interessierter eigentlich erkennen können.

Und das haben wir nicht, weil es immer noch so ein Durcheinander ist. Ich bin ein ganz großer Gegner von dieser Aussage, dass wir das ALLES brauchen; also die Versportlichung und den Wettkampf, um das ernste Gefecht zu verstehen. Nein. Das ist meiner Meinung nach nicht der Fall. Also: Klare Trennung. Klare Benennung. Und dann ist es absolut in Ordnung für mich.

Schrecken manche vielleicht davor zurück, die Dinge klar zu benennen, weil sie Angst haben, Leute dadurch zu verlieren?

Das kann sein. Ernsthaft Angst, Leute zu verlieren habe ich dann, wenn ich Geld damit mache. Dann ist es einfach mein Einkommen. Wenn jemand das macht und dann 20% seiner Leute verliert, sind das auch 20% seiner Einnahmen. Natürlich macht er das dann nicht. Wenn ein normaler Verein das macht und dadurch drei Leute verliert, ist das ok. Dann wären die sowieso nicht richtig gewesen und behindern nur das Trainingsgeschehen. Wir hatten das bei Ars Gladii, dass ein Mitglied massiv nur Wettkampf machen wollte. Er ist dann selbst wieder gegangen, weil er gemerkt hat, er kriegt das nicht geboten. Er hat dann versucht in Dornbirn eine zweite Gruppe aufzubauen. Und das ist genau der richtige Weg, zu sagen: „Das macht dieser Verein nicht, das möchte ich aber, dann gründe ich eben einen zweiten Verein.“

Also macht ihr von vornherein bei Ars Gladii klar, dass ihr Interpretation und das Kämpferische abdeckt und eben nicht die Wettkampfecke?

Wir haben natürlich immer wieder Mitglieder, die auf ein Turnier fahren möchten. Die kriegen dann auch Unterstützung von uns, soweit wir das machen können mit unserem beschränkten Erfahrungsschatz. Aber wir machen ganz deutlich: Das ist nicht das, was bei uns im Training passiert. Und es wird auch jedem Anfänger von Anfang an gesagt, dass er bei uns nicht in die Turnierwelt eingeführt werden wird.

Und eure Trainer ziehen alle mit?

Wir fahren da eine einheitliche Schiene. Es war auch keine Entscheidung, die ich getroffen habe, sondern die Trainerschaft hat sie gemeinsam getroffen und die wird auch mindestens einmal im Jahr zur Diskussion gestellt.

Wenn ihr Wettkampf und Kampf so streng voneinander trennt, wie läuft dann das Sparring oder der Freikampf bei euch ab? Mit welcher Zielsetzung macht ihr es? Mit welcher Ausrüstung?

Sparring ist ein weit gefasster Begriff bei uns. Wir reden immer von Freikampf. Das kann kontrollierter Freikampf ohne Schutzausrüstung sein, hauptsächlich bei Schwert & Buckler und Dolch. Oder eben ernsthafter, druckvoller Freikampf in voller Schutzausrüstung. Wir überlassen es dem Einzelnen, was er machen will und das wird vor dem Kampf geklärt. Der Partner muss mit Geschwindigkeit, Druck und Intention einverstanden sein. Es ist immer eine dritte Person dabei, die beobachtet und nachher Feedback gibt. So findet jeder das Niveau und das Level, das ihm zusagt. Dadurch, dass der Sinn des einzelnen Freikampfes von vornherein geklärt ist, fallen ganz viele Probleme weg, die wir früher hatten. Wenn zum Beispiel jemand sagt „ich möchte spielen“, dann ist es ein spielerischer Freikampf zum Spaß haben. Jemand anderer möchte zwei, drei Techniken ausprobieren oder Varianten von Interpretationen, dann kriegt der immer den gleichen Angriff mit der gleichen Härte und versucht eben mit seiner Technik weiterzukommen. Und wenn ein ernsthafter Freikampf gefordert ist, dann kriegt das Gegenüber genau das. Unsere einzige Grundregel ist immer: Beide müssen am nächsten Tag arbeiten gehen können (lacht).

Wie versuchst du sicherzustellen, dass deine Schüler mit den stumpfen Waffensimulatoren und in Schutzausrüstung immer noch so agieren, als ob die Klingen scharf wären – den Respekt vor der Waffe also nicht verlieren?

Das machen wir über zwei Wege. Wir legen einerseits sehr viel Wert auf Klingenkontrolle. Wir möchten, dass unsere Fechter das Werkzeug wirklich beherrschen. Anfänger und Fortgeschrittene machen bei uns sehr viel Hiebübungen zum Aufwärmen: Den Hieb stoppen auf leichten Kontakt oder auf bestimmte Punkte schlagen, um ein Gefühl für die Waffe zu bekommen. Das ist auch ein wichtiger Sicherheitsaspekt.

Das zweite ist, wir machen sehr viele Schnitttests bei Ars Gladii. Immer wieder auch mit Schweinen. Und der Beginn jedes Schweineschnittes ist, dass ich die Leute mir ihrem Trainingsschwert stechen lasse. Wenn jemand mit seinem Trainingsschwert mal ein Schwein durchstochen hat, nimmt er sein Trainingsgerät ernst. Allein die Tatsache: Ich versenke das Ding und spüre wie wenig Widerstand da ist, öffnet nachhaltig die Augen. Diese Schnitttests haben dazu geführt, dass die Leute ihre Klinge ernst nehmen Respekt vor der Waffe entwickeln. Keine Angst, aber Respekt.

Was wir auch machen: Wir versuchen mindestens einmal im Jahr mit scharfen Waffen zu fechten – wobei Anfänger da ausgeschlossen sind. Aus Sicherheitsgründen natürlich mit Schutzausrüstung, um zu sehen: Wie fühlen sich scharfe Klingen an, wie ist das Bindeverhalten. Auch das führt dazu, dass die Leute sehr vorsichtig werden. Die Fechtgeschwindigkeit sinkt drastisch. Allein das Gefühl: Mir steht jemand mit einer scharfen Klinge gegenüber, die Person könnte mich auch verletzen, sorgt ebenfalls dafür, dass sie das Trainingsgerät ernst nehmen. Es gibt also verschiedene Zugänge, den Leuten zu vermitteln, was sie da in der Hand halten.

„Allein die Tatsache: Ich versenke das Ding und spüre wie wenig Widerstand da ist, öffnet nachhaltig die Augen. Diese Schnitttests haben dazu geführt, dass die Leute ihre Klinge ernst nehmen und Respekt vor der Waffe entwickeln. Keine Angst, aber Respekt.“

Hast du selbst eigentlich mal das Problem gesehen, dass du nur mehr andere trainierst, aber selber nicht mehr zum Trainieren kommst?

(Lacht) Ich glaube, dieses Problem hat jeder Trainer. Ja natürlich! Das war vor zwei, drei Jahren ganz massiv der Fall, dass ich gemerkt habe, mein eigenes Training stagniert vollkommen. Ich hab letztes Jahr dann ganz gezielt im Verein Schritte gesetzt und bestimmte Bereiche des Trainings völlig abgegeben. Ich bin verfügbar und ich helfe jedem, aber ich möchte dieses Training nicht mehr machen, sondern ich möchte als Trainierender teilnehmen. Das ist sehr wichtig. Ich bin momentan sowieso daran, möglichst Platz zu machen. Wenn der Verein weitergeführt werden soll, müssen andere Leute übernehmen und das ist nur möglich, wenn man selbst Platz macht. Lücken können nur gefüllt werden, wenn welche da sind. Das hat mir wieder ermöglicht als Trainierender ins Training zu gehen und alles mal aus anderen Augen zu sehen und selbst auch die Trainingseinheiten zu bekommen, die ich gebraucht habe.

Womit beschäftigst du dich fechterisch derzeit?

Derzeit befinde ich mich mehr auf der Metaebene. Ich versuche die Quellen nochmal abzuklopfen im Bezug auf induktive Wissenszugänge, im Vergleich zum deduktivem Wissenszugang. Die Art, wie wir lehren hat sich über die Jahrhunderte ja verändert. Durch diesen Zugang werden viele Dinge plötzlich anders erklärbar und bekommen eine andere Sinnhaftigkeit. Wenn wir von unserer modernen Perspektive ablassen und in die Unterrichtsperspektive des Mittelalters schlüpfen wird klar, warum Dinge so bezeichnet, so genannt, so angeführt werden. Ich versuche also herauszufinden, inwieweit sich meine Interpretation verändert, wenn ich die moderne Brille ablege. Das beansprucht momentan sehr viel Zeit.

Dann aber auch die Auseinandersetzung mit Paulus Hector Mair. Vor allem auch in Vorbereitung auf die Arbeit mit der Stange. Wir haben jetzt mit Gregor einen Stangentrainer, der sehr engagiert ist im Verein und den ich versuche zu unterstützen. Der arbeitet jetzt sehr viel mit Mair. Da ist dann auch sehr viel Quellenarbeit gefragt.

Mein Eindruck ist, deine Lieblingswaffe ist Schwert und Buckler. Kann man das so sagen?

Das kann man so nicht ganz sagen. Ursprünglich war es eigentlich die Stange. Aber da gabs ja noch gar nix dazu. Dann natürlich das Lange Schwert, weil es die Quelle war, die am leichtesten zugänglich war. Und: Ein Schwert! Das war die Faszination an sich (lacht). Dann bin ich eben in Schwert & Buckler reingestolpert und da bin ich auch hängen geblieben. Also im Moment ist Schwert & Buckler sicher meine Lieblingswaffe. Aber das heißt nicht, dass ich nicht auch mit anderen Sachen liebäugle.

Gibt’s eine bestimmte Schule oder Waffe mit der du sofort loslegen würdest, wenn du ganz viel Zeit dafür hättest?

Oh… Sehr, sehr viel (lacht). Es gibt viele Schulen und Waffen, die ich bewundere und mir denke, da würde ich mich echt gerne nochmal reinknien. Aber da fehlt mir jetzt wirklich die Zeit und auch die Motivation dazu. Es gibt viele Waffen, die ich sehr schön finde. Das lange Messer ist für mich eine sehr ästhetische Waffe, also Leküchner. Da hab ich mir lange überlegt, ob ich mir das jetzt nochmal antun soll oder nicht…. Aber es ist mir jetzt zu viel ehrlich gesagt. Dussack würde mir auch nicht schlecht gefallen. Aber jetzt im Moment ist es eigentlich mehr und mehr wieder die lange Stange geworden. Vor allem durch die gemeinsame Arbeit mit Gregor Hoch, der unser Stangentraining macht. Also ja, ich würde sagen: Die Stange kommt grad mehr und mehr rein.

Was machst du, wenn du nicht fechtest?

Hm… Ganz viel: Ich schreibe einerseits ja Bücher. Im HEMA-Bereich hab ich bis jetzt drei veröffentlicht, insgesamt sind es jetzt aber schon an die zehn. Das letzte war ein Schulbuch. Ich fotografiere andererseits nach wie vor – wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Ich hab jetzt zwanzig Jahre lang einen Messerkalender fotografiert. Lesen nimmt nach wie vor sehr viel Zeit in Anspruch – das soll so bleiben! Und sehr viel Arbeit fließt nach wie vor in Trainingsvorbereitung und Nachbereitung.

Was wünschst du dir vom ÖFHF als Organisation, was von den TrainerInnen, was von allen Fechtern?

Weltfrieden. (Lacht) Nein. Ist eine gute Frage… Ich glaube die Antwort ist in allen Bereichen das gleiche: Vom ÖFHF ein bisschen Rückbesinnung auf seine Kernaufgaben. Dasselbe bei den historischen Fechtern. Klare Definitionen worum es geht, das hatten wir ja schon. Dass sie immer klar definieren und differenzieren, was sie machen. Das würde ich mir vor allem von den Vereinen wünschen, also weniger von einzelnen Personen.  Von den Trainern wünsche ich mir… Das ist schwer, weil einige sind’s schon und die fühlen sich dann wahrscheinlich beleidigt und andere wollen es vielleicht gar nicht… Aber ich würde mir einen Schritt weiter in die Professionalität wünschen, nicht finanziell, sondern im Sinn von: Ich nehme die Trainertätigkeit ernster. Also eben nicht nur der Fokus auf Technik, sondern die ganzen anderen Dinge, die wir vorhin besprochen haben.

Was mich bei den Trainern und in der internationalen Szene noch freuen würde, ist dieser Wissensdrang und der Austausch auf Fragen- und Wissensbasis. Der fehlt mir in den letzten Jahren ein bisschen.

Du stehst einem 4m großen und mindestens so breitem Bergtroll gegenüber. Langschwert oder Schwert und Buckler?

(Überlegt) Ich würde sagen, das ist jetzt eigentlich fast schon egal. Die erste Reaktion wäre versuchen, abzuhauen (lacht). Ich darf nicht gegen ihn arbeiten, ich muss mit ihm arbeiten. Wenn er 4m groß ist, hat er so viel Wucht und Kraft, dass es völlig wurst ist, wie ich blocke oder pariere. Der fegt mich einfach weg. Ich muss ausweichen, ich muss nah zu ihm hin und seine Schwachstellen angreifen. Ich darf kein einziges Mal getroffen werden. Also ausweichen, durchtauchen, reingehen und dafür sind beide Waffen gleich gut geeignet. Aber wie gesagt: weglaufen! (Lacht)

Danke für deine Zeit!

Interview geführt von Elisabeth Orion, April 2020

Fotos: Herbert Schmidt (privat)